Was haben Unterrichtsunterlagen, aktivistische Flugblätter, künstlerische Publikationen und Verwaltungsdokumente gemeinsam? Viele von ihnen wurden bis in die 1970er Jahre mithilfe der Mimeographie vervielfältigt – einer heute nahezu vergessenen schablonenbasierten Technik, die weit verbreitet war, bevor Fotokopierer und digitale Druckverfahren alltäglich wurden.
Vergessene Drucktechnik mit großer WirkungGenau hier setzt das Forschungsprojekt "A Mimeo Archaeology" (AMA) an. Geleitet wird das interdisziplinäre Projekt von Julien Segarra (Akademie der bildenden Künste Wien) und Raphael Pickl (AIT Austrian Institute of Technology). Obwohl die Mimeographie maßgeblich zur öffentlichen Kommunikation und zur Entwicklung informeller und alternativer Druckkulturen beitrug, bleiben sowohl das technische Verfahren als auch mimeographierte Dokumente in Österreich bisher weitgehend unerforscht. Viele Aufzeichnungen sind daher in Archiven falsch klassifiziert oder werden aufgrund ihres unscheinbaren Erscheinungsbildes nicht als eigenständiges kulturhistorisches Erbe wahrgenommen.
Neue Methoden für die Analyse und Klassifizierung mimeographierter DokumenteDas Projekt AMA betrachtet Mimeographie nicht nur als technische Reproduktionstechnik, sondern als materielles und soziales Medium. Durch die Verbindung von Medienwissenschaft, Heritage Science, maschinellem Lernen und künstlerischer Forschung eröffnet AMA neue Perspektiven auf die Geschichte analoger Kommunikation und deren Bedeutung für kulturelles Gedächtnis und Archivpraxis. Dabei bringt das AIT Austrian Institute of Technology (AIT) technologisches Know-how und Methoden des maschinellen Lernens aus der Qualitätsinspektion von Produktoberflächen in einen kulturhistorischen Kontext ein und überträgt damit Ansätze aus der industriellen Qualitätskontrolle auf die Analyse und Klassifizierung historischer Dokumente.
KI-gestützte DokumentanalyseEin zentrales Ergebnis wird das MAID-Tool (Mimeo Archive IDentification) sein, das am AIT mitentwickelt wird. Mithilfe von Machine Learning soll es mimeographierte Dokumente anhand visueller Merkmale wie Tintenverlauf, Schablonenfehlern oder mechanischen Spuren identifizieren. Damit ergänzt das Tool klassische Archivmethoden, die bislang vor allem auf Metadaten oder Texterkennung beruhen, und ermöglicht eine präzisere Katalogisierung bislang übersehener Materialien.
Ergänzt wird dieser technologische Zugang durch die Auseinandersetzung mit historischen Geräten, Schablonen und Tinten, um praktisches Wissen über frühere Vervielfältigungsprozesse zu rekonstruieren. Diese Erkenntnisse fließen in Konservierungsrichtlinien ein, die auf die materiellen Eigenschaften mimeographierter Dokumente zugeschnitten sind.
Medienarchäologie als innovativer ForschungsansatzInnovativ ist das Projekt jedoch nicht nur durch die Entwicklung des MAID-Tools. AMA verfolgt einen medienarchäologischen Forschungsansatz, der die Mimeographie selbst ins Zentrum der Analyse stellt. Anstatt historische Dokumente primär über ihren Textinhalt zu untersuchen, richtet das Projekt den Blick auf das technische Medium, das ihre Entstehung ermöglicht hat, sowie auf die materiellen, sozialen und kulturellen Bedingungen ihrer Produktion. Diese Perspektive ermöglicht es, Dokumente aus unterschiedlichen pädagogischen, administrativen, künstlerischen, aktivistischen oder politischen Kontexten über die gemeinsame Technologie ihrer Herstellung miteinander in Beziehung zu setzen. Durch diese institutions- und sammlungsübergreifende Betrachtungsweise eröffnet AMA neue Zugänge zu Archiven und Sammlungen und trägt dazu bei, die Rolle der Mimeographie für die Produktion, Verbreitung und Demokratisierung von Wissen sichtbar zu machen. Gleichzeitig leistet das Projekt einen innovativen Beitrag zur Heritage Science in Österreich, indem es technische Medien als Ausgangspunkt für die Erforschung kulturellen Erbes begreift.
Kulturelles Erbe neu sichtbar machenDie Ergebnisse werden auf der Open-Access-Plattform MAPP (Mimeo Archaeology Project Platform) veröffentlicht. Dort werden Forschungsdaten, Dokumentationen, Konservierungsrichtlinien und digitale Werkzeuge zusammengeführt und für Archivar:innen, Forscher:innen, Künstler:innen und die interessierte Öffentlichkeit zugänglich gemacht.
Damit macht das Projekt AMA vergessene Druckspuren sichtbar und eröffnet neue Wege, um kulturelle Erinnerung zu bewahren und die Geschichte analoger Kommunikation für die Zukunft zugänglich zu machen.
Mehr zum ProjektAMA –
A Mimeo Archaeology. Developing a method to classify mimeographed documents and re-evaluate their historical and social significanceProjekt AMA wird gefördert von Österreichische Akademie der Wissenschaften | Heritage Science Austria 2.0