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The Austrian research project GAIN, led by the AIT Austrian Institute of Technology, is developing innovative XR training concepts to support paramedics – an initial study highlights the pressures they face and underscores the need for practical training.
Rettungseinsatzkräfte leisten täglich lebenswichtige Arbeit. Doch neben medizinischen Notfällen sehen sich Sanitäter:innen zunehmend mit Geringschätzung ihrer Kompetenz, diskriminierenden Kommentaren oder gar sexuellen Übergriffen konfrontiert. Im FFG geförderten FEMtech-Projekt GAIN (Gender- und Diversitätssensibles VR Antidiskriminierungs- und Empowerment-Training für Rettungsdienstpersonal) werden unter der Leitung des AIT Austrian Institute of Technology, Center for Technology Experience, gemeinsam mit den Partnern Johanniter Österreich Ausbildung und Forschung und Usecon innovative EXtended Reality (XR) Trainingskonzepte entwickelt, die Einsatzkräfte besser auf solche diskriminierenden Situationen vorbereiten. Das AIT Center for Technology Experience besitzt langjährige Erfahrung in der Forschung und Entwicklung rund um XR-Trainingskonzepte und Lösungen – gerade auch im Bereich XR-Training für Einsatzkräfte aus unterschiedlichen Bereichen (Polizei, Rettung, Feuerwehr).
Diskriminierungserfahrungen gehören zum Alltag
Internationale Studien (etwa z.B.: https://www.mdpi.com/1660-4601/18/10/5198) zeigen, dass Diskriminierung im Gesundheits- und Pflegeberuf leider in der Realität oft vorkommt. Die neue Studie im Rahmen des Forschungsprojekts GAIN kommt zu einem ähnlichen Ergebnis: Diskriminierung ist für viele Einsatzkräfte kein Einzelfall, sondern gehört zum Berufsalltag und ist für die Betroffenen eine starke Belastung. „Damit wird nicht nur die Motivation und Arbeitszufriedenheit gesenkt, sondern auch die Arbeitsleistung und Qualität der Patientenversorgung sind davon betroffen“, sieht AIT-Forscherin und GAIN-Projektleiterin Julia Himmelsbach großen Handlungsbedarf.
In der Studie wurden 167 Rettungskräfte aller Altersgruppen aus Österreich, Deutschland und der Schweiz im Herbst 2025 befragt. Es zeigte sich, dass Diskriminierung meist nicht in Form offener Gewalt, sondern als subtile Abwertung, Respektlosigkeit, sexuelle Belästigung oder Zweifel an der Kompetenz erlebt wird. Besonders häufig treten solche Situationen im Kontakt mit Patient:innen, Angehörigen oder anderen, oft zufällig anwesenden Personen auf.
Die Ergebnisse der Studie sind brisant – denn durch die erlebte Diskriminierung sind nicht nur die davon betroffenen Rettungseinsatzkräfte beeinträchtigt, sondern es trifft auch Patient:innen bzw. Verletzte: Die Versorgungsqualität leidet und damit können Menschenleben in Gefahr geraten.
Zentrale Ergebnisse der GAIN-Studie
- Frauen, die im Rettungswesen tätig sind, berichten überdurchschnittlich oft von wenig respektvollem Verhalten, abwertenden Kommentaren oder anzüglichen Bemerkungen – auch in Bezug auf ihr Erscheinungsbild oder ihren Körperbau.
- Jüngere Einsatzkräfte fühlen sich besonders häufig aufgrund ihres Alters diskriminiert ihre Kompetenz wird oft infrage gestellt.
- Voreingenommenheit, geschlechterbezogene Abwertung und Mikroaggressionen (subtile, abfällige verbale Äußerungen oder Handlungen, die Personen aufgrund ihres Geschlechts, ihrer Herkunft, ihrer sozialen Schicht etc. herabwürdigen) sind die am häufigsten berichteten Diskriminierungsformen.
- Kleine, wiederholte Grenzverletzungen, etwa abwertende Kommentare, Geringschätzung bzw. In-Frage-Stellen der Kompetenz, aber auch Ignorieren durch Einsatzleiter:innen, des eigenen Teams verursachen spürbare und langfristige Effekte.
Langfristige Folgen der Diskriminierung
Viele Rettungseinsatzkräfte empfinden die alltäglichen Diskriminierungserfahrungen als unangenehm oder belastend. Sie fühlen sich sprachlos oder eingeschränkt in ihrer Handlungsmöglichkeit. Je höher die wahrgenommene Diskriminierung, desto stärker steigt die Überlegung, die Tätigkeit im Rettungsdienst aufzugeben. Rund jede zweite befragte Person hat zumindest gelegentlich darüber nachgedacht, den Rettungsdienst aufgrund solcher Erfahrungen zu verlassen. Besonders brisant ist die Situation, wenn im Team selbst kein Rückhalt herrscht: Diskriminierung durch Kolleg:innen wirkt noch stärker auf die Kündigungsabsicht. Gleichzeitig zeigt sich: Ein starkes Teamklima mit Rückhalt, Vertrauen und gelebter Diversität wirkt als zentraler Schutzfaktor – es reduziert Diskriminierungserfahrungen, stärkt die Handlungssicherheit der Einsatzkräfte und senkt die Kündigungsabsicht.
Zusätzliche qualitative Erhebungen, bestehend aus Online-Tagebüchern, Interviews und offenen Befragungen, machten deutlich, warum viele Betroffene im Einsatz schweigen:
- Patientenwohl steht im Vordergrund
- Eskalationen sollen vermieden werden
- Zeitdruck verhindert Diskussionen
- Hierarchien erschweren Widerspruch
- Diskriminierung wird als „Teil des Jobs“ internalisiert
Viele berichten zudem von Resignation oder der Angst, als „empfindlich“ oder „spießig“ wahrgenommen zu werden. Diese Dynamiken zeigen: Es reicht nicht, auf individuelle Schlagfertigkeit zu setzen. Es braucht strukturelle Unterstützung und gezielte Vorbereitung.
Die Studie zeigt auch, dass Organisationen aktiv gegensteuern können, etwa durch gezielte Ausbildung und Vorbereitung auf diskriminierende Situationen. „Diskriminierung verschwindet nicht, indem man sie ignoriert. Es ist wichtig ist, das Thema ernst zu nehmen, organisationsintern Strukturen zu schaffen und Sanitäter:innen bestmöglich zu trainieren, sich gegenseitig zu unterstützen“, stellt Himmelsbach fest.
XR-Training als Ergänzung in der Ausbildung
Der Einsatz von Extended Reality (XR) in Training und Ausbildung bietet viele Vorteile: Simulierte Szenarien bieten einen immersiven Zugang, das Training ist jederzeit wiederholbar und spart somit Ressourcen und Zeit. Die Idee ist, in verschiedenen XR-Szenarien (z. B. eine Fahrt mit dem Rettungswagen mit einer Patientin und Angehöriger) Diskriminierung nicht nur darzustellen und zu erkennen, sondern als komplexe, körperlich erfahrbare Situation nachvollziehbar zu machen.
Aufbauend auf realen Erfahrungen soll das Training die Teilnehmer:innen in Einsatzsituationen versetzen, wo subtile Abwertung schrittweise spürbar wird. Dabei sollen bewusst verfremdete visuelle, akustische und haptische Effekte zum Einsatz kommen, die innere Reaktionen wie Verunsicherung, Handlungshemmung oder „Sich-klein-fühlen“ körperlich erlebbar machen. Ziel ist es im ersten Schritt, das Bewusstsein und Verständnis für die situativen, relationalen und oft schwer greifbaren Dynamiken von Diskriminierung zu fördern, Reflexion anzustoßen und die Einsatzkräfte im professionellen Umgang mit Diskriminierung zu stärken.
Die XR-Simulation von Diskriminierungsszenarien ist ein Einstieg, um Situationen spürbar zu machen. Darauf aufbauend folgt im zweiten Schritt ein begleiteter Austausch mit Trainer:innen, in dem die erlebten Erfahrungen gemeinsam reflektiert und eingeordnet werden.
Damit entsteht ein Erfahrungsrahmen, der Diskussion ermöglicht und unterschiedliche Perspektiven sichtbar macht. Ziel ist es, ein XR-Trainingskonzept zu entwickeln, das folgendes umfasst: Erleben und Erkennen von Diskriminierung, Reflektieren und Einordnung von erlebter Diskriminierung sowie Handlungsoptionen als betroffene Person oder als anwesende Person.
Im Moment werden die XR-Trainingsszenarien, basierend auf den Ergebnissen der Studie sowie in enger Zusammenarbeit mit den Einsatzorganisationen, entwickelt. Das XR-Training soll künftig als Ergänzung zu einem umfassenden Anti-Diskriminierungs- und Empowerment-Curriculum dienen.